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Tag der Amputierten

Bad Oeynhausen -

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Wolfgang Wöll (links) gemeinsam mit dem Werkstattleiter Oliver Knudsen in der Technischen Orthopädie der Auguste-Viktoria-Klinik. Foto: Irma Mujanovic/MKK

Am 21. April 2026 rückt erstmals ein Thema in den Fokus, das viele Menschen betrifft, aber selten im Rampenlicht steht: das Leben mit Amputation. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 50.000 Amputationen der unteren Extremitäten durchgeführt. Anlässlich des ersten Tags der Amputierten lädt die Technische Orthopädie der Auguste-Viktoria-Klinik in Bad Oeynhausen zu einer besonderen Informationsveranstaltung ein. Betroffene, Angehörige sowie Interessierte erhalten am 21. April von 14 bis 17 Uhr einen Einblick in die moderne Versorgung und erfahren Wissenswertes rund um das Thema Amputation.

Wie das Leben nach einer Amputation aussieht, mit welchen Herausforderungen man zu kämpfen hat, das weiß Wolfang Wöll ganz genau. Vor zehn Jahren hat der heute 69-Jährige sein Bein verloren. 
Die Frage „warum ich?“ hat sich Wolfang Wöll nie gestellt. Ab der ersten Sekunde hat der Mindener sein Schicksal angenommen. 1994 überlebt Wolfang Wöll einen schweren Motorradunfall in Bayern, wo er zu dieser Zeit lebt. Muss per Hubschreiber ins Krankenhaus geflogen und mehrmals operiert werden. Zehn Tage lang liegt der damals 38-Jährige im Koma. Sechs Monate muss er insgesamt im Krankenhaus verbringen. Nach dem Unfall mit offenen Brüchen infiziert sich Wolfang Wöll mit dem MRSA-Keim. MRSA steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus und bezeichnet ein Bakterium, das gegen gängige Antibiotika resistent ist. Solche Keime können insbesondere bei offenen Wunden oder geschwächtem Immunsystem schwer behandelbare Infektionen verursachen. „Wo und wie genau ich mir diesen Keim eingefangen habe, weiß ich nicht. Aber am Ende spielt es auch keine Rolle eigentlich. Ich musste damit leben“, schildert Wolfang Wöll.

12 Jahre lang hat Wolfang Wöll zunächst Ruhe, lebt sein Leben normal weiter. Ohne Einschränkungen. Kann wieder Skifahren, reist viel, ist aktiv. Der Keim verharrte gewissermaßen im Körper, ohne akute Symptome auszulösen. Doch dann änderte sich die Situation drastisch. Eines Morgens bemerkt Wolfang Wöll, dass sein großer Zeh sich verändert hat. „Der Zeh war einfach matsch, erst war das natürlich irritierend, aber nicht beängstigend“, erinnert sich der Rentner. Der Zeh wird ihm amputiert. Es folgen viele weitere „Baustellen“, immer wieder kämpft Wolfang Wöll nun mit offenen Stellen am Bein, versucht die Wunden so gut es geht zu versorgen. „Im Januar 2016 wollte ich mir die Schuhe anziehen und plötzlich ist mir der ganze Unterschenkel weggebrochen. Ich hatte aber keinerlei Schmerzen dabei“, erzählt der heute 69-Jährige.

Schnell ist klar, eine Amputation ist notwendig. „Ich habe das sofort akzeptiert und angenommen. Ein paar Tage nach der Amputation habe ich direkt über eine Beinprothese gesprochen und war zuversichtlich, dass ich schnell wieder ein aktives Leben führen kann“, so Wolfang Wöll. 

Mittlerweile hat der Rentner bereits seine zweite Prothese in Gebrauch. Beide Prothesen hat Wolfang Wöll in der Technischen Orthopädie der Auguste-Viktoria-Klinik in Bad Oeynhausen erhalten. Hier werden rund 100 amputierte Menschen versorgt.

Die Gründe für Amputationen sind vielfältig, am häufigsten liegen jedoch chronische Erkrankungen zugrunde. Einen großen Anteil machen Durchblutungsstörungen aus, etwa infolge von Arteriosklerose oder als Spätfolge von Diabetes mellitus. 

„Gerade beim sogenannten diabetischen Fußsyndrom können selbst kleine Verletzungen schlecht heilen und sich zu schweren Infektionen entwickeln. Auch Unfälle oder Tumorerkrankungen können eine Amputation notwendig machen“, erläutert Universitätsprofessor Dr. Patrick Orth, Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine Orthopädie an der Auguste-Viktoria-Klinik.

Nach einer Amputation beginnt für Betroffene, wie Wolfgang Wöll, ein neuer Abschnitt, in dem die Technische Orthopädie eine zentrale Rolle spielt. Sie ist ein spezialisierter Fachbetrieb, der sich mit der Herstellung und Anpassung von Hilfsmitteln wie Prothesen und Orthesen beschäftigt. „Unser Ziel ist es, die Mobilität und Lebensqualität der Patientinnen und Patienten bestmöglich wiederherzustellen. Dabei wird jede Versorgung individuell geplant: Zunächst wird der Stumpf medizinisch beurteilt, anschließend erfolgt die Anfertigung eines passgenauen Prothesenschafts – dem Verbindungselement zwischen Körper und künstlichem Glied“, erklärt Ralf Torunski, Betriebsleiter der Technischen Orthopädie der Auguste-Viktoria-Klinik.

Moderne Prothesen bestehen aus leichten, belastbaren Materialien wie Carbon und werden in der Technischen Orthopädie in Bad Oeynhausen mithilfe digitaler Vermessungstechniken exakt angepasst. „Die Möglichkeiten der Prothetik haben sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt“, betont Ralf Torunski. Die Prothese von Wolfang Wöll ist beispielsweise fast 64.000 Euro wert – besitzt ein elektronisch gesteuertes Kniegelenk und ist an seine Bedürfnisse als aktiver Mensch angepasst. „Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Wir schauen, für wen passt was genau. Und auch der Sicherheitsaspekt ist ein sehr wichtiges Kriterium bei der Wahl der passenden Prothese“, erläutert der Orthopädietechnikmeister. 

Dass eine ist das Körperliche. Dank moderner Versorgung können Betroffene nach einer Amputation wieder mobil sein, ihren Alltag selbstständig bewältigen und sogar sportlich und aktiv bleiben. Dennoch endet die Herausforderung nicht beim Körperlichen. „Der Verlust eines Körperteils ist auch eine tiefgreifende seelische Erfahrung. Viele Betroffene berichten von anhaltenden emotionalen Belastungen, Trauer oder einem veränderten Körpergefühl“, erzählt Ralf Torunski.

Diese Schilderungen kennt Wolfgang Wöll, weiß, wie schwer dieses Ereignis für viele Menschen sein kann. Seit drei Jahren leitet der Mindener die Selbsthilfegruppe in Bad Oeynhausen, ist aber schon seit Bestehen der Gruppe vor fünf Jahren aktives Mitglied. Aktuell besteht die Selbsthilfegruppe aus 15 Mitgliedern. „Viele Menschen trifft dieser gravierende Einschnitt ganz plötzlich. Manche hadern ihr Leben lang damit“, schildert Wolfang Wöll.

Wolfang Wöll und Ralf Torunski finden es deshalb umso wichtiger, dass diese Schicksale in den Fokus gerückt werden, dass die Menschen mit Amputationen gesehen werden. „Mit dem Aktionstag am 21. April soll die Sichtbarkeit für die Betroffenen und deren Versorgung erhöht werden. Und der Tag soll die Empathie und das Verständnis in der Bevölkerung fördern. Deswegen machen wir auch gerne mit und wollen Einblicke in unsere Arbeit bieten“, erläutert der Betriebsleiter der Technischen Orthopädie

Die Veranstaltung findet in der Technischen Orthopädie der Auguste-Viktoria-Klinik von 14 bis 17 Uhr statt. Das Programm umfasst unter anderem einen Fachvortrag von Universitätsprofessor Dr. Patrick Orth. Der Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine Orthopädie an der Auguste-Viktoria-Klinik wird über Ursachen, Methoden und die Nachsorge informieren. Anschließend haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Außerdem gibt es eine Gangschul-Demonstration mit Physiotherapeut Michael Peters. Nach einer Pause mit kleinem Imbiss geht es dann weiter mit einer Führung durch das Sanitätshaus und die Werkstatt der Technischen Orthopädie. Interessierte bekommen dabei einen Einblick in die Herstellung einer Prothese.

Die Veranstaltung ist kostenlos, es wird um eine schriftliche Anmeldung per Mail an sanitaetshaus-avk@muehlenkreiskliniken.de gebeten.

Quelle:Mühlenkreiskliniken AöR

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